Max E. Keller
Winterthur, Komponist
Der Schweizer Max E. Keller begann seine musikalische Karriere als Freejazzpianist in den legendären 68er-Jahren. Ab 1973 schrieb er über 70 Werke verschiedenster Besetzung, auch elektronische Musik. Oft vertonte er politisch engagierte Texte, auch in szenischen Werken, so etwa die Miniaturoper "Egon -aus dem Leben eines Bankbeamten" mit fast 30 Aufführungen. Seine Kompositionen sind in ganz Europa, in Nord- und Südamerika und in Australien aufgeführt und gesendet worden. Mehrere Arbeitsaufenthalte in Berlin. Die CDs "Kammermusik" bei col legno sowie "Klingen im Gegenwind" (Jecklin Edition) sind seinen Werken gewidmet. Im September 2003 wird eine Portrait-CD des Schweizer Komponistenverbandes erscheinen.
Einige Antworten auf die Frage „Warum komponieren Sie?“
- weil es mir sonst langweilig wäre.
- weil ich gerne Bleistifte spitze.
- weil ich das Leben irgendwie aushalten muss.
- weil jeder seine Krankheiten hat.
- weil ich die Welt verbessern will – jedenfalls musikalisch.
- weil meine Eltern mich dazu gezwungen haben.
- weil ich nicht kreativ bin.
- weil die Welt der fünf Linien so aufregend ist.
- weil ich damit einen guten Grund habe, nach Berlin zu fahren.
- weil in Winterthur sonst die Komponistenquote nicht erreicht würde.
- weil ich noch so viel Notenpapier besitze.
- weil ich im Lexikon vorkommen möchte.
- weil ich die Frage „Warum komponieren Sie?“ so gerne beantworte.
Kontakt http://www.max-e-keller.ch/index/index.php
Werkauswahl -
Vom Grunde. Lied nach einem Text von Barbara Köhler (UA) (2003)
Max E. Keller
Vom Grunde
für Bariton und Klavier
2003 4 min.
Tradition kann man annehmen oder sich dagegen auflehnen; für einmal habe ich sie angenommen und habe ohne Verrenkungen einem Gedicht entlang komponiert, das mich unmittelbar angesprochen hat. Barbara Köhler hat unter dem Titel „ELB ALB“ neun Kurztexte und Gedichte über die Elbe geschrieben, leise melancholisch und mit einer Prise Gegengift, besonders schön in dem von mir gewählten. Diese Polarität bestimmt zum einen meine Vertonung, in mancherlei Hinsicht, anderseits verlässt das Lied auch in einem Ausbruch die Grundstimmung kaum.
Barbara Köhler: Vom Grunde
(aus: Deutsche Roulette, Gedichte, edition Suhrkamp, Frankfurt 1991)
Wenn ich versinke im stillen Wasser der Tage
ins Atemlose gezogen vom Blei
in den Lungen Schwefel und Rauch
vor den Augen wenn ich sie schliesse
im Papiergrab Aktenstaub in allen Taschen
entwertete Fahrscheine wenn die Müdigkeit
grösser ist als der Himmel der haltlose Raum
dann liebe ich dich
wie eine letzte Hoffnung
eine Verzweiflung wie das harte Brot
wie die Stummheit der Dinge manchmal
wie ein Gespräch wie das Wortlose
die Worte aus einer fremden Sprache
wie das Meer das ich nicht sehe
wie ein Land
das es nicht gibt
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